{"id":920,"date":"2014-09-04T22:36:00","date_gmt":"2014-09-04T20:36:00","guid":{"rendered":"https:\/\/chriscovery.de\/?p=920"},"modified":"2023-07-12T13:01:26","modified_gmt":"2023-07-12T11:01:26","slug":"etappe-pazardzik-burgas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/chriscovery.de\/index.php\/2014\/09\/04\/etappe-pazardzik-burgas\/","title":{"rendered":"Etappe: Pazard\u017eik-Burgas"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Manchmal trifft man Menschen, die sind einem auf den ersten Blick unsympathisch. Wenn man eine Weile durch alle m\u00f6glichen L\u00e4nder tourt, trifft man dabei auch manchmal auf L\u00e4nder, die sind einem relativ schnell auch unsympathisch. Bei Bulgarien kann ich den Grund nicht einmal konkret definieren. Wahrscheinlich ist es ein Zusammenspiel vieler verschiedener Gr\u00fcnde. Tatsachlich sollte sich beweisen, dass auch die Bulgaren kein schlimmeres Volk als alle anderen sind, und dass es durchaus sehr coole Leute gibt. Aber im Gegensatz zu Ungarn oder Serbien muss man eben ein bisschen l\u00e4nger suchen. M\u00f6glich w\u00e4re auch, dass ich in der Luxuswoche in Sofia einen Teil meiner Offenheit und Neugier eingeb\u00fc\u00dft hatte. Dass das landschaftliche Profil ein bisschen zu eint\u00f6nig war. Oder dass ich mit einem so langen Aufenthalt in einem Land einfach \u00fcberfordert war. Was es genau war, kann ich nicht sagen, jedoch hatte ich keine Lust mehr auf Bulgarien. Also bot ich zu Hause zwei unterschiedliche Alternativen an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1. Ich verlasse Bulgarien auf dem schnellsten Weg oder<br>2. Ich wechsle f\u00fcr eine Etappe das Verkehrsmittel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jule war nat\u00fcrlich auf Grund von Authentizit\u00e4tsproblemen gegen eine Zugfahrt. Und sie meinte, ich m\u00fcsse den Bulgaren einfach noch eine Chance geben. Vielleicht w\u00fcrde ich sie ja doch noch m\u00f6gen. Ich war allerdings starrsinnig und sagte, entweder Zug oder weg. Ich hatte einfach keine Lust mehr, weiterhin durch gleichbleibende Landschaft auf v\u00f6llig \u00fcberf\u00fcllten Stra\u00dfen zu radeln. Versteht mich nicht falsch, aber nach dem achtzigsten Berg ist es keine wundersch\u00f6ne Landschaft mehr, sondern nur noch ein Berg, der ganz viel Kraft kostet. Also setzte ich mich durch und sattelte f\u00fcr die folgende Etappe auf den Zug um. Dazu hie\u00df es jedoch erst einmal nach Plovdiv zu kommen. Denn von dort standen die Chancen eine schnelle Verbindung ans schwarze Meer zu finden wesentlich besser.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Etappe von Pazard\u017eik nach Plovdiv f\u00fchrte mich wieder \u00fcber eine Hauptverkehrsstra\u00dfe, die links und rechts von Sonnenblumenfeldern oder hohen B\u00fcschen ges\u00e4umt war. Aussicht war also wieder Fehlanzeige und selbst wenn, war ich eigentlich nur damit besch\u00e4ftigt, nicht im rollenden Verkehr unter die R\u00e4der zu kommen. Nein, fahrradfreundlich sind die Stra\u00dfen in Bulgarien wirklich nicht. All das best\u00e4rkte mich, auf dem Campingplatz in Plovdiv angekommen, meine Idee mit der bulgarischen Staatsbahn in die Tat umzusetzen. Und hier sollte ich nicht entt\u00e4uscht werden. Bereits am Vortag kaufte ich bei einer wahnsinnig freundlichen Schalterangestellten ein ebenso wahnsinnig g\u00fcnstiges Ticket. So g\u00fcnstig, dass ich bis zur Abfahrt an einen Fehler glaubte.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.chriscovery.de\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/Sonnenblumenfeld.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/192.168.252.64\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/Sonnenblumenfeld-1024x577.jpg\" alt=\"Sonnenblumenfeld\" class=\"wp-image-674\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich muss zugeben, ich war ein bisschen aufgeregt. Allerdings auch sehr neugierig. Was kann man f\u00fcr einen solchen Fahrpreis erwarten? Klar, der Zug kommt niemals p\u00fcnktlich. Aber okay, damit kann ich leben. Und er wird H\u00fchner und Rinder transportieren. Mal was Neues. Und Tee, es werden Unmengen Tee serviert. Und das Ding ist alt und klapprig. Also irgendwie stellte ich mir die Zugfahrt wie einen ganz normalen russischen Inlandsflug vor.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Bahn in Bulgarien ist ein Erlebnis. F\u00fcr die knapp 260 Kilometer lange Strecke von Plovdiv nach Burcas musste ich unglaubliche 16,60 Lev hinlegen (ca. 9 \u20ac). Also f\u00fcr mich UND mein Rad.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit der DB w\u00fcrden mich 260 Kilometer folgendes kosten:  100 \u20ac plus 30 \u20ac f\u00fcr das das Rad minus Bahncardrabatt plus Reservierungszuschlag macht 200 \u20ac. Immerhin ist die DB p\u00fcnktlich. Manchmal.<br>Nat\u00fcrlich ist die bulgarische Bahn \u00fcberhaupt nicht mit der Deutschen Bahn vergleichbar&#8230; ich Trottel. Mein Zug kam ungef\u00e4hr 8 Minuten zu sp\u00e4t. Und daf\u00fcr so viel Kohle\u2026 Auch fehlte der deutsche Kuschelfaktor v\u00f6llig. Das Mistding war n\u00e4mlich so ausgelegt, dass viele Passagiere mitkommen, wenn sie denn wollen. Da arbeitet die Deutsche Bahn schon erheblich effizienter! Lustiges Zugbegleitpersonal gibt es in Bulgarien leider auch nicht. Kein liebevoller Anranzer, weil man die Fahrkarte nicht schon vorher gestempelt oder gar gekauft hat. Kein lustiges Zusammenschei\u00dfen vor der gesamte Fahrgastcrew, weil man leider kein Wort der hiesigen Sprache versteht&#8230; und auch keine freundlichen Durchsagen, dass sich das Zugpersonal am n\u00e4chsten Bahnhof von den G\u00e4sten verabschiedet, weil es jetzt raus muss &#8211; in voller Lautst\u00e4rke. Nee, der Schaffner bleibt bis zum bitteren Ende und verl\u00e4sst als letzter das sinkende Schiff&#8212; \u00e4h, den haltenden Zug. SPIESSER!!! Ha! Daf\u00fcr gibts keinen Niederflur. Daf\u00fcr kann man das Rad in den gro\u00dfz\u00fcgigen Haltezeiten am Bahnhof bequem abpacken, einladen und verstauen. Der Schaffner hilft auch gern dabei.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.chriscovery.de\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/Zugfahrt-Burgas-2.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/192.168.252.64\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/Zugfahrt-Burgas-2-1024x577.jpg\" alt=\"Zugfahrt-Burgas-2\" class=\"wp-image-675\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/192.168.252.64\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/Zugfahrt-Burgas-1024x577.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-676\"\/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ironie Ende. Alles in allem war die Bahnfahrt ein sch\u00f6nes Erlebnis und zeigte mir, wie es auch anders funktionieren kann. Zumal ich auch relativ schnell eine neue Freundin fand. Denn ein kleines M\u00e4dchen lies nicht locker und besorgte sich eigens f\u00fcr unsere Kommunikation einen menschlichen \u00dcbersetzer. So sa\u00df ich also mit einer 9-J\u00e4hrigen, die tausend Fragen hatte und einem \u00e4lteren Mann zusammen, der diese \u00fcbersetzte. <em>Klar, mag ich Dinosaurier und nee, Hunde im Moment nicht so<\/em>. <br>Das war eine coole Begegnung und macht Hoffnungen auf kommende Generationen. \ud83d\ude42<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Allerdings gab es zwei Erlebnisse, die ich auch im Nachhinein nicht wirklich guthei\u00dfen kann. W\u00e4hrend die Autobahnen fernab von D\u00f6rfern und St\u00e4dten gef\u00fchrt werden, bestehen die Bahnstrecken teils schon viele Jahrzehnte. Folglich f\u00fchren sie auch an Problem-Orten vorbei. Meine Mutter unterst\u00fctzt ein Projekt in Rumanien, bei dem eine ziemlich mutige Deutsche versucht, Romakindern \u00fcber Bildung eine vern\u00fcnftige Zukunft zu erm\u00f6glichen. Das w\u00e4re hier auch n\u00f6tig. Denn als wir an einem Dorf vorbei fuhren, standen auf einer M\u00fcllkippe ganze Familien, die im M\u00fcll nach verwertbaren Dinge suchten. Noch bedr\u00fcckender wurde es, als ich sah, dass auch viele, teils sehr kleine Kinder an der Suche beteiligt waren. Dagegen schienen die Bulgaren im Zug das jedoch gar nicht zu registrieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einen weiteren Zwischenfall konnte ich beim pausieren an einer Tanke beobachten. Dort bot ein junger Mann seine h\u00f6chstens 14- oder 15-J\u00e4hrige Begleitung als k\u00e4uflich an: immer, wenn ein dickes Auto vorbei fuhr, schob er dem M\u00e4dchen das Shirt hoch. Angehalten hat niemand und ob es vielleicht nur eine provozierende Geste war, kann ich nicht beurteilen. Geschockt hat es mich aber trotzdem. Schaut hier echt ein ganzes Volk in der Ohnmacht, soweit nichts gegen die Armnut tun zu k\u00f6nnen, weg?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich wei\u00df, dass es \u00e4hnliche Probleme auch in anderen L\u00e4ndern und sogar bei uns gibt. Aber ich wei\u00df nicht, ob da wirklich nichts getan werden kann. Was die Erwachsenen tun, kann man vielleicht wirklich nicht mehr beeinflussen, aber was die Kinder angeht, sollte man dringend eingreifen. Ich f\u00fcrchte, ohne Menschen, die das Problem an der Wurzel anpacken, werden die Vorurteile gegen\u00fcber den &#8222;Zigeunern&#8220; niemals abgebaut. Vielleicht habt ihr ja Interesse einmal die Seite von <strong>Jenny Rasche<\/strong> zu besuchen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"http:\/\/www.kinderhilfe-siebenbuergen.eu\/\">http:\/\/www.kinderhilfe-siebenbuergen.eu\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchmal trifft man Menschen, die sind einem auf den ersten Blick unsympathisch. 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