{"id":861,"date":"2014-08-15T14:56:37","date_gmt":"2014-08-15T12:56:37","guid":{"rendered":"https:\/\/chriscovery.de\/?p=861"},"modified":"2023-07-10T14:02:34","modified_gmt":"2023-07-10T12:02:34","slug":"serbien-kulturschock-feketic-teil-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/chriscovery.de\/index.php\/2014\/08\/15\/serbien-kulturschock-feketic-teil-1\/","title":{"rendered":"Serbien &#8211; Kulturschock Feketi\u0107 Teil 1"},"content":{"rendered":"\n<p>Nach dem Wiedersehen mit Micha, musste der erst einmal Joghurt kaufen gehen. Eine f\u00fcr mich relativ unbedeutende Aktion und ich war mir nicht im Klaren, warum er das jedes Mal so betonte. Er ging also in eine B\u00e4ckerei am Platz, kaufte sich eine etwas undefinierbare Teigmasse und 2 Becher Joghurt. Dann setzte er sich in aller Seelenruhe hin und quatschte in perfektem Serbisch mit der Verk\u00e4uferin und in perfektem Deutsch mit mir. Also fragte ich ihn, warum er denn so gut Serbisch sprechen kann und er erkl\u00e4rte mir die Hintergr\u00fcnde. Micha ist eigentlich in Serbien geboren und dann im Alter von 5 Monaten nach M\u00fcnchen ausgewandert. Das ist aber bereits 40 Jahre her, merkte er an. Er sagte, bis vor wenigen Jahren h\u00e4tte er ebenfalls nur sehr wenig in der Sprache seines Geburtslandes sprechen k\u00f6nnen. Dann lernte er bei einem Besuch von Verwandten hier seine jetzige Frau kennen und lieben. So kam eines zum anderen und deswegen sei er jetzt eben zum Geburtstag seiner Schwiegermutter hier. F\u00fcr die ist \u00fcbrigens auch die Waschmaschiene, die ich hinten im Auto gesehen habe. <em>Ihre jetzige ist bl\u00f6d. Willst auch einen Joghurt?<\/em> Was hatte er blo\u00df immer mit diesen Joghurts? Obwohl ich in diesem Moment echt mehr Lust auf ein kaltes Bier hatte, nahm ich auch einen und verstand relativ schnell, warum sich die Serben das Zeug permanent hinter die Binde kippen. Es erfrischt und s\u00e4ttigt und zwar ganz sch\u00f6n rasch. Aber was eigentlich viel besser ist, es macht nicht besoffen&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Micha futterte seinen Teigklumpen auf und deute an, dass es jetzt Zeit w\u00e4re zu gehen. Ich fragte ihn also, wie ich jetzt zu seinem Haus komme. <em>Na, mit dem Auto. Ist ja schlie\u00dflich noch ein St\u00fcckchen bis dorthin<\/em>, sagte er in einem v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlichen Ton. <em>Wir werfen Dein Rad einfach hinten rein und dann fahren wir r\u00fcber.<\/em> Okay, also Rad abpacken, alles im jetzt bereits leeren Kadett verstauen und los. Eigentlich nicht konform mit <em>ich mache die Tour komplett mit Muskelkraft<\/em>. Aber die Nacht bei ihm sollte mich auch ziemlich weit von der Route wegbringen. Es ging n\u00e4mlich in ein mittleres Dorf mit dem Namen Feketi\u0107 und das lag auch noch einmal gut 20 Kilometer entfernt von Kulla.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich am Ortseingang fing der Spa\u00df an. Hier stand n\u00e4mlich eine Polizeistreife, die beim Anblick des M\u00fcnchner Kennzeichens sofort die Kelle hob. Micha blieb v\u00f6llig ruhig, hielt an und begann ein recht lockeres Gespr\u00e4ch mit den beiden Uniformierten. Nat\u00fcrlich hab ich kaum etwas verstanden, nur dass er ihnen meine Tour erkl\u00e4rte, dass er zu Besuch bei seiner Schwiegermutter w\u00e4re, urspr\u00fcnglich selbst aus der Gegend kam und den Polizisten ziemlich eindringlich seinen Nachnamen erkl\u00e4rte. Sie sahen sehr ungl\u00e4ubig aus, entlie\u00dfen uns aber trotzdem sehr schnell wieder in die Freiheit. Kein F\u00fchrerschein, keine Fahrzeugpapiere, Michas Wort, dass er der w\u00e4re, als der er sich ausgibt, reichte v\u00f6llig? Sehr erstaunt fragte ich ihn, ob Polizeikontrollen hier immer so ablaufen. Er grinste und meinte, nat\u00fcrlich nicht. Im Normalfall tut man als Touri gut daran, sie <em>auf einen<\/em> <em>Kaffee einzuladen<\/em>, sonst konnte es sehr lange dauern, bis die Herren je nach Zustand des Autos einen berechenbaren Mangel gefunden h\u00e4tten. Ich d\u00fcrfe nicht vergessen, dass ein Polizist in Serbien irgendwas um die 300 Euro Monatslohn bekommt, und jede kleine Aufmerksamkeit stimmt ihn nicht nur sehr milde, sondern tats\u00e4chlich auch ziemlich dankbar. Der Serbe ist wirklich sehr offen und da tut die Uniform auch nichts zur Sache. Ein kleiner Schein extra k\u00f6nnte l\u00e4ngerer Gespr\u00e4che zu vermeiden helfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und tats\u00e4chlich, auch wenn europ\u00e4ische Regierungsinstanzen dringend von der kleinen Korruption abraten, ein 5er oder ein 10er tut keinem Touri wirklich weh und bringt einen unter Umst\u00e4nden etwas schneller ans Ziel. Wer allerdings Bock auf lange Gespr\u00e4che mit den Gesetzesh\u00fctern einer fremden Kultur hat, sollte sich das nicht entgehen lassen. Die sind im Normalfall n\u00e4mlich sehr hilfsbereit und auskunftsfreudig und vor allem immer f\u00fcr einen Spa\u00df zu haben. Wer sich jetzt jedoch aufregt, dass ich die Unterst\u00fctzung der Korruption nicht verteufele, dem sei mal die <em>gro\u00dfe Korruption<\/em> im eigenen Land ans Herz gelegt. Immerhin ist ein Argument f\u00fcr die hohen Di\u00e4ten unserer Politiker, die daraus resultierende Unbestechlichkeit der selbigen. Dann lieber dem Familienvater in Uniform ein paar Euro geben, da wei\u00df ich wenigstens, dass er sie gebrauchen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Dank Michas hervorragendem Serbisch ging es f\u00fcr uns jedoch v\u00f6llig unbehelligt weiter, hinein in den Kern des Dorfes. Und hier muss ich zugeben, wurde es mir das erste Mal etwas unbehaglich zumute. Denn was hier die Bezeichnung H\u00e4user trug, war eben mit nichts vergleichbar, was H\u00e4user bei uns bedeuten. Es gab zwischen den teilweise sehr alten Lehmbauten auch immer wieder ein paar sehr moderne Artgenossen, aber der Gro\u00dfteil der H\u00e4user war doch ziemlich alt und auch etwas heruntergekommen. Kurz und knapp, die Menschen lebten hier offensichtlich in sehr \u00e4rmlichen Verh\u00e4ltnissen und so war auch Michas Haus von au\u00dfen nicht gerade als Prunkbau zu bezeichnen. Flie\u00dfend (aber kein Trink-) Wasser und Strom, dass sind hier die Standards. Telefon, Abwasser oder Internet die luxuri\u00f6se Ausnahme. Das h\u00e4lt den Serben jedoch nicht davon ab, sich sein Reich so gem\u00fctlich wie m\u00f6glich zu gestalten. Auch wenn die R\u00e4ume nicht riesig sind, Sitz- und Schlafgelegenheiten gibt es im \u00dcberfluss, was eindeutig f\u00fcr die sprichw\u00f6rtliche Gastfreundschaft dieses Volkes spricht.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Nachhinein kann ich sagen, dass sich die Serben wirklich immer \u00fcber Besuch freuen und auch wenn sie fast nichts haben, teilen sie von Herzen gerne, was sie haben. So gab es auch gleich nach der Ankunft gef\u00fcllte Paprikaschoten und als Dreingabe ein gro\u00dfes St\u00fcck Geburtstagstorte von Schwiegermutter. Micha unterhielt sich gleichzeitig mit mir in Deutsch und mit seinem Stiefschwiegervater in Serbisch. Kaum verschwand er einmal, wurde es ruhig, denn sowohl Schwiegervater als auch ich konnten keine vern\u00fcnftige Kommunikation zu Stande bringen. War aber tats\u00e4chlich auch nicht n\u00f6tig, denn der Herr schien wirklich nicht unzufrieden mit meinem Auftauchen zu sein und so war ich es auch nicht. Und richtige M\u00e4nner k\u00f6nnen sich auch mal schweigend am Tisch gegen\u00fcber sitzen. \ud83d\ude42<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann schnappte Micha sich seinen Sohn, eine leere 2 Literflasche Cola und mich und sagte: <em>Wir fahren jetzt zum Schweizer, Wein holen und danach zum leiblichen Vater seiner Frau &#8211; Wein trinken.<\/em><br>Zeit mit herumeiern verschwendet der Typ wirklich nicht. Also rein ins Auto, zum n\u00e4chsten Laden an der Stra\u00dfe, frische Cola gekauft und dann ab zu einer Prachtvilla am anderen Ende des Dorfes. Der absolute Kontrast zu Michas Behausung. Dort empfing uns ein junger Mann, dem Micha f\u00fcr ein paar Dinare eine F\u00fcllung seiner Colaflasche mit einem unglaublich leckerem Rotwein abluchste. Der junge Mann stellte sich als Sohn eines Schweizers heraus, der sich hier in diesem \u00e4rmlichen Landstrich auf den Weinanbau spezialisiert hat und das nach meinen sehr bescheidenen Weinkenntnissen offensichtlich sehr erfolgreich.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr uns ging es dann weiter zu Schwiegervater Nr.2 und dort erwarteten mich wieder keine prunkvollen, daf\u00fcr sehr gem\u00fctliche Zust\u00e4nde. Auf Papas Hof feierten gerade ein paar junge Kerle eine kleine Party mit frisch Gegrilltem, viel Alkohol und lauter Musik. Sie be\u00e4ugten uns zwar kurz, verloren aber schnell das Interesse. Der Topf mit dem Gegrillten machte die Runde, Micha mischte uns beiden Cola und Wein zusammen, was sein Schwiegervater nur mit einem Kopfsch\u00fctteln akzeptierte und dann fing Micha an, aus dem serbischen Nahk\u00e4stchen zu plaudern.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der Haus und Hof-Chef sehr genussvoll nur kleine Schlucke seines unverpanschten Weines schl\u00fcrfte, becherten wir ganz schon was weg. Micha hat dadurch, dass er in Deutschland aufgewachsen, dann aber wieder in diese Kultur verwurzelt ist, nat\u00fcrlich einen ganz anderen Einblick. Er sieht und er redet auch \u00fcber die Schattenseiten der Ungar-Serben. Er wei\u00df ziemlich genau, dass die Menschen hier ihre Sommer mit gro\u00dfer Lebensfreude verbringen, es aber dadurch manchmal vers\u00e4umen ausreichend Vorr\u00e4te (Feuerholz usw.) f\u00fcr den Winter anzulegen. Viele werden dann im Winter sehr depressiv und ziehen sich tief in ihre H\u00e4user zur\u00fcck. Das Leben hier ist hart und reich an Entbehrungen im Winter, lustig und gesellig im Sommer. Ver\u00e4nderungen, so sehr auch von ihnen selbst erw\u00fcnscht, werden nur schleppend oder gar nicht in Angriff genommen. Da Micha aber seine zweite Heimat sp\u00fcrbar sehr am Herzen liegt, hat er seine eigene Strategie entwickelt, den Menschen hier zu helfen. Er k\u00fcmmert sich um ungarische und damit EU-P\u00e4sse, die den Menschen hier auch tats\u00e4chlich zustehen und holt sie f\u00fcr einige Wochen zu sich, um ihnen das Leben in Deutschland schmackhaft zu machen. Etwas resignierend gestand er, bei einigen klappt es und sie suchen sich Arbeit, bei anderen eben nur so lange, bis sie genug Geld f\u00fcr die kalten Monate zusammen haben und ein gro\u00dfer Teil kann mit der neuen Situation \u00fcberhaupt nicht umgehen. Geld, welches sie in Deutschland verdienen, wird sofort in die H\u00e4user hier gesteckt und sobald das erledigt ist, kommen sie sofort zur\u00fcck. Sie sind nicht sonderlich leicht zu entwurzeln, sagte er.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr einige wird jetzt vielleicht das Klischee bedient, dass er seine <em>Landsleute<\/em> nach Deutschland holt, wo sie f\u00fcr Billigl\u00f6hne arbeiten gehen, aber hier geht es wirklich um die Existenz dieser Menschen. Ein Sozialsystem, wie wir es aus Deutschland kennen, gibt es hier nicht. Die Menschen hier haben nur sich, ihre Familien und Freunde &#8211; und das mitten in Europa. Ich pers\u00f6nlich habe kein Problem mit Michas Sorge um seine Familie, finde den Ansatz ehrenhaft, aber falsch. Denn diese wunderbaren Menschen geh\u00f6ren genau hierher und es w\u00e4re unsere Aufgabe, als reichstes Land Europas den Fortschritt zu ihnen zu bringen. Nebenbei k\u00f6nnten wir echt ziemlich viel von ihnen lernen, wenn es um Lebensart und Geselligkeit geht. Aber gut, ein Stadtschloss und eine Garnisonskirche tun es auch. \u00dcberlassen wir die Menschen hier ruhig ihrem Schicksal, die Natur wird es schon richten&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Abend wurde noch spannender, und dass ich trotz gro\u00dfer Gastfreundschaft eben doch nicht aus meiner deutschen, immer einen Haken vermutender Haut heraus kann, schreibe ich euch morgen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach dem Wiedersehen mit Micha, musste der erst einmal Joghurt kaufen gehen. Eine f\u00fcr mich relativ unbedeutende Aktion und ich war mir nicht im Klaren, warum er das jedes Mal so betonte. Er ging also in eine B\u00e4ckerei am Platz, kaufte sich eine etwas undefinierbare Teigmasse und 2 Becher Joghurt. 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