{"id":78,"date":"2014-07-11T16:46:04","date_gmt":"2014-07-11T14:46:04","guid":{"rendered":"https:\/\/chriscovery.de\/?p=78"},"modified":"2023-03-24T01:28:41","modified_gmt":"2023-03-24T00:28:41","slug":"wildenbruch-dresden-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/chriscovery.de\/index.php\/2014\/07\/11\/wildenbruch-dresden-teil-2\/","title":{"rendered":"Wildenbruch &#8211; Dresden Teil 2"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wildenbruch &#8211; Dresden Teil 2<\/h3>\n\n\n\n<p>\u2026.Aber ich muss zugeben, dass die Nacht durchaus ihre Spuren hinterlassen hatte. Ich startete sehr schleppend in die neue Etappe und kam erst nach 15 Kilometern so richtig in Fahrt oder besser in Tritt. Das Wetter sah zwar immer noch nicht gut aus, aber zumindest regnete es vorerst nicht und der Wind hielt sich auch in Grenzen.<br>Die \u00d6dheit des Elberadweges brachte meine Stimmung auch nicht gerade zum \u00fcberkochen und somit zog sich das alles wie Kaugummi. Aber, wo Schatten ist, das ist auch Licht.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz nach 13 Uhr erreichte ich das St\u00e4dtchen Torgau. Oder wie Torgau sich auspreist: <strong>Die Reformationsstadt Torgau!<\/strong> Luther wahr hier nachwei\u00dflich mehr als 14 Mal zu Gast. Kunstst\u00fcck. Liegt ja an der alten Postkutschenroute Leipzig &#8211; Wittenberg. Ich hoffe blo\u00df, sie erinnern sich noch an Luther, wenn ich auch mal reich und ber\u00fchmt werde. Denn immerhin war ich auch schon einmal nachweislich zu Besuch. Der EC-Kartenbeleg von Aldi beweist es! Da sind wir wieder bei der Beeinflussung des Umfeldes durch das Wetter. Torgau bescherte mir n\u00e4mlich zum Dank f\u00fcr meinen Besuch ein ganz herrliches Gewitter, das ich bei jenem Aldi in der Einkaufswagenabstelleinrichtung ausstand. Aber zum Gl\u00fcck nicht allein. Die sp\u00e4rlichen 4 m\u00b2 teilte ich mit zwei tschechischen Reiseradlern, die auf dem Weg von Cuxhaven nach Prag waren. Da sie nur einzelne Bruchst\u00fccke Deutsch kannten (bitte sch\u00f6n, danke sch\u00f6n, Schei\u00dfe &#8211; aufs Wetter bezogen) und ich \u00fcberhaupt keine Tschechischkenntnisse aufweisen kann, wurde mir schon Angst und Bange ob der stummen Wartezeit. Die Tschechen lie\u00dfen sich aber nicht aufhalten. Wie zur Rache f\u00fcr den Zweiten Weltkrieg bombardierten sie mich in ihrer Landessprache. Mit H\u00e4nden, F\u00fc\u00dfen und Blicken haben wir die Kommunikationsbarriere nach 10 Minuten dann doch durchbrochen und so wurden es tats\u00e4chlich unterhaltsame Stunden unterm Aldivordach. Sp\u00e4testens als ich ihnen erkl\u00e4rte, ich wolle mit dem Rad nach Athen, war das Eis gebrochen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun ist mein Tschechischvokabular wirklich ganz mies und ich konnte nicht genau deuten, ob sie mich aus- oder anlachten. Ich gehe mal, Optimist, der ich bin, von anlachen aus. Einer von ihnen begutachte meinen Sattel, zeigte fragend darauf und sch\u00fcttelte den Kopf. Als er dann mit zwei Fingern erst in eine imagin\u00e4re Cremedose und dann an seinen Hintern herumstrich, wurde mir klar, dass er entweder meinen Sattel oder meinen Hintern oder die Kombination aus beidem f\u00fcr ziemlich schwachsinnig hielt. Auch wenn ich in der Vorbereitung noch an einen anderen Sattel gedacht hatte, jetzt bleibt er erst recht! Ich blieb trotzig und beharrte darauf, mit genau jenem Sattel die Akropolis zu besuchen. Aber er erkannte das Wanken. Also lie\u00df er es sich nicht nehmen, mir mit Hilfe seines Messers erst zu erkl\u00e4ren, dass ich mich in der Slowakei dringend vor marodierenden Banden in Acht nehmen sollte, bevor er mir mit dem Gleichem ein St\u00fcck Apfelkuchen aus der Aluverpackung wuchtete und darauf bestand, dass ich das auch zu essen hatte. <em>(Offensichtlich werde ich die Kraft brauchen.)<\/em> Wir haben dann noch \u00fcber die unterschiedlichsten Dinge &#8222;gesprochen&#8220;, z.B. fanden sie es toll, immer noch die Krone zu haben und das Prag f\u00fcr sie eine furchtbare Stadt sei. Aber so ist das eben, wenn man irgendwo aufgewachsen ist. Ich pers\u00f6nliche sehe Potsdam ja auch mit anderen Augen als der durchschnittliche Sanssouci Besucher.<\/p>\n\n\n\n<p>Da die beiden aber ein anderes Etappenziel als ich hatten, war unser lustiges Zusammentreffen nach 2 Stunden ohne den Austausch von Namen auch schon wieder vor\u00fcber. Aber ich hab Bock auf mehr davon! Es war unheimlich spannend und trotz unserer Sprachschwierigkeiten sehr informativ. Man kann mit Gesten doch viel mehr ausdr\u00fccken, als man glaubt. Die eigene Sprache (auch wenn man sie so sehr mag wie ich) wird irgendwann zur Nebens\u00e4chlichkeit. Es war ein lichter Moment an einem Tag voller tiefh\u00e4ngender Wolken, die an diesem Tag noch einige Schauer f\u00fcr mich bereit halten sollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz immer noch drohendem Gewitter beschloss ich wenigstens noch ein paar Kilometer weiterzufahren, um den n\u00e4chsten Campingplatz anzusteuern. Dabei fiel mir erneut auf, dass ich die Route wahrscheinlich nicht schlechter h\u00e4tte w\u00e4hlen k\u00f6nnen. Der Radweg f\u00fchrt zwar theoretisch an der Elbe entlang, aber praktisch sieht man nichts von ihr. Im Normalfall f\u00e4hrt man hinter hohen Deichen quer durch landschaftlich eher eint\u00f6niges Gebiet. \u00c4cker, kleinere W\u00e4lder und gelegentlich gibt es mal das eine oder andere Dorf zu sehen, was zum Erbauungszeitpunkt auch kaum prunkvoller ausgesehen haben kann als heute. Allerorts sind Pensionen ausgeschildert, aber M\u00f6glichkeiten um Vorr\u00e4te, sei es auch nur Wasser, aufzufrischen, sind nur sehr d\u00fcnn vorhanden. Ich wei\u00df es nicht mit Bestimmtheit, aber ich f\u00fcrchte, dies ist einer der \u00e4rmsten Landstriche Deutschlands und so versucht sich der eine oder andere Hausbesitzer noch ein bisschen was mit der Unterbringung von G\u00e4sten dazuzuverdienen. Nicht, dass ich diesen Gelderwerb verurteilen m\u00f6chte, zum Gl\u00fcck gibt es sie, die Pensionen am Weg. Aber meiner Meinung nach m\u00fcsste hier viel mehr in die Infrastruktur investiert werden, um das Land nicht v\u00f6llig zu entsiedeln. Die Elbregion hat es durch die dauernden Hochwasser der letzten Jahre eh schon sehr schwer. Aber was nutzen gro\u00dfartige Deichbauprojekte, wenn dahinter niemand mehr leben kann. Selbst die Supermarktketten konzentrieren sich auf die St\u00e4dte und vernachl\u00e4ssigen die l\u00e4ndlichen Regionen stark.<\/p>\n\n\n\n<p>Deswegen nichts wie weiter und gucken, was die Strecke noch bringt. Nach einem weiteren starken Schauer, den ich unter einer Linde verbrachte, landete ich schlussendlich in dem kleinen Ort Staritz. Durchgefroren und nass bis auf die Knochen, habe ich den Gedanken zu zelten sofort verworfen. Ich sehnte mich nur noch nach einer warme Dusche und ,wenn m\u00f6glich, irgendetwas bett\u00e4hnlichem. Ich habe mir zwar vorgenommen, die ganze Sache wirklich f\u00fcr kleines Geld zu unternehmen, aber die am Ortseingang ausgeschilderte Pension &#8222;Lindenhof&#8220; klang zu verlockend.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur einen Tag nach meinem Aufbruch verstie\u00df ich somit schon gegen mein Konsumz\u00f6libat. Aber ich muss sagen, es hat sich gelohnt. Bei einem wirklich opulentem Abendessen habe ich zwei Radler aus Bielefeld und Paderborn getroffen, die den Elberadweg flussaufw\u00e4rts fahren. Sie sind am Sonntag in Bad Schandau gestartet und waren somit wesentlich schneller als ich unterwegs. Allerdings fuhren sie auch nicht mit ann\u00e4hernd so viel Gep\u00e4ck, da sie weder zelten wollten und es f\u00fcr sie ab Magdeburg mit dem Zug nach Hause ging. Inzwischen muss ich zugeben, dass diese Art von Urlaub durchaus etwas Reizvolles hat. Die kleinen Pensionen am Elberadweg sind wesentlich g\u00fcnstiger als ein Hotel und zumindest der Lindenhof stand einem guten Hotel in nichts nach. Aber auch hier beeinflusst das Wetter nat\u00fcrlich wieder die Wahrnehmung. Wer so wie ich die Aussicht auf ein warmes Bett vor Augen hat, kann eigentlich nur schw\u00e4rmen. Jedenfalls war ich mir bei diesen beiden sicher, dass sie mich nach meiner Absichtsbekundung nach Athen zu fahren, auslachten. Ist ihr gutes Recht, wer wei\u00df, wie ich vor ein paar Wochen auf einen Typen wie mich reagiert h\u00e4tte. Sie gaben mir noch einige n\u00fctzliche Tipps zu Aussichtspunkten und ermunterten mich, was meine Einstellung zum Elberadweg anging, mit einem Verweis &#8222;ab Mei\u00dfen wird es besser&#8220; auf. Sie sollten Recht behalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Als in Staritz der Fu\u00dfballjubel nach dem 7:1 Sieg gegen Brasilien ausklang, nahm auch ich meine Mission Nachterholung in Angriff.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wildenbruch &#8211; Dresden Teil 2 \u2026.Aber ich muss zugeben, dass die Nacht durchaus ihre Spuren hinterlassen hatte. 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