{"id":725,"date":"2014-07-24T21:17:18","date_gmt":"2014-07-24T19:17:18","guid":{"rendered":"https:\/\/chriscovery.de\/?p=725"},"modified":"2023-03-24T23:39:07","modified_gmt":"2023-03-24T22:39:07","slug":"von-fast-ausgeraeumten-sprachbarrieren-schlecht-auszuraeumenden-gebirgsbarrieren-und-einem-wirklich-tollen-abend","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/chriscovery.de\/index.php\/2014\/07\/24\/von-fast-ausgeraeumten-sprachbarrieren-schlecht-auszuraeumenden-gebirgsbarrieren-und-einem-wirklich-tollen-abend\/","title":{"rendered":"Etappe Sec &#8211; Pernstejn"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Von (fast ausger\u00e4umten) Sprachbarrieren, (schlecht auszur\u00e4umenden) Gebirgsbarrieren und einem wirklich tollen Abend<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Hey, wisst ihr was? Meine Sprachprobleme sind verschwunden. Ist jetzt nicht so, dass ich eine Sprache besser kann als vor meiner Abreise, aber man wird flexibler. Inzwischen sind die Komplexe, dass mich keiner versteht, dem blo\u00dfen Drang zum \u00dcberleben gewichen, und ich bin beim malen meiner Bed\u00fcrfnisse fast zur Perfektion gelangt. Wie erkennt man mit absoluter Sicherheit, dass man unverstanden ist? Gehe in die Rezeption eines tschechischen Zeltplatzes, frage die nette Frau, die dort sitzt, ob sie Englisch oder Deutsch spricht, und warte das Gesicht ab. Gehe dann in einen Berliner D\u00f6nerladen, lass dich von einem T\u00fcrken \u00fcber die Vorz\u00fcge des Kalbsfleischs in sauberem T\u00fcrkisch aufkl\u00e4ren, stelle dich vor einen Spiegel und vergleiche dein Gesicht mit dem der Rezeptionistin&#8230; wenn du dir sicher bist, kein T\u00fcrkisch zu sprechen, sollte es \u00e4hnlich aussehen. So ein gro\u00dfes Gesichtsfragezeichen eben.<\/p>\n\n\n\n<p>Also (<em>und da bin ich inzwischen schlau geworden<\/em>) habe ich meinen Schreibblock genommen, &nbsp;auf dem ich kurz und knapp einen Campingplatz mit Mond, ein Zelt und ein Strichm\u00e4nnchen gekritzelt habe. Die Rezeption mit einem Schloss davor und fertig ist der Kontext. Wenn euch Arch\u00e4ologen mal f\u00fcr H\u00f6hlenmalereien begeistern wollen, alles Quatsch, was sie erz\u00e4hlen. Da sind blo\u00df fernreisende H\u00f6hlenmenschen nach Rezeptionsschluss in die H\u00f6hle gekommen. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/chriscovery.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Rezeption-geschlossen-680x350-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-577\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Zumindest rang ich ihr ein L\u00e4cheln ab, dann nahm sie ihren Computer, startete den Google\u00fcbersetzer und alles ging auch viel schneller. Bl\u00f6de Effizienz. Ich h\u00e4tte nichts gegen noch ein bisschen Malerei gehabt. Aber dadurch wurde mir eines ganz sch\u00f6n deutlich. Die Tschechen scheinen manchmal ein bisschen verschlossen, aber mit solch kleinen Gesten kann man ruckzuck das Eis brechen und dann wird es toll. Auch wenn die Verst\u00e4ndigung oftmals nicht reibungslos klappt, meist bekommt man aber doch das, was man m\u00f6chte. (<em>Heute Mittag gab es statt Kroketten Kartoffelb\u00e4llchen, aber was soll es&#8230; die h\u00e4tte ich eh genommen, h\u00e4tte ich die Karte lesen k\u00f6nnen<\/em>.)<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich ging es in ungef\u00e4hr so weiter wie gestern. Nur, dass alles, was ich gestern hatte, heute noch einmal \u00fcbertroffen wurde &#8211; also die Berge waren h\u00f6her. Da ich mir am Morgen auch wieder sch\u00f6n die Tour ausgerechnet hatte und auf schlappe 88 Kilometer Restfahrstrecke bis Br\u00fcnn gekommen war, war ich optimistisch das bis zum Nachmittag zu erreichen. Nach circa zwei Stunden Fahrt fand ich eine gem\u00fctliche kleine Holzh\u00fctte abseits der Stra\u00dfe, die ich kurzerhand zu meinem Fr\u00fchst\u00fccksdomizil auserkoren hatte. Allerdings machten mir dort sechs oder sieben Wespennester einen Strich durch die Rechnung, so dass ich mit knurrendem Magen weiterzog.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/chriscovery.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/lieberDochKeinFruehstueck-280x420-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-497\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Den gestrigen Tag noch tierisch in den Knochen und heute noch nicht ern\u00e4hrt, musste ich bei einigen Passagen aufgeben und das Rad schieben. Es war einfach keine Kraft mehr in den Beinen f\u00fcr solche Anstiege. Der fahrerische H\u00f6hepunkt war der, dass ich einen acht Kilometer langen Aufstieg meisterte, dann auf die Karte schaute und der Meinung war, ich w\u00e4re v\u00f6llig falsch und viel zu weit gefahren. Also dann umdrehte, acht Kilometer wieder runter (<em>Jippie<\/em>), um mich dann unten noch einmal neu zu orientieren. Was soll ich sagen &#8211; falsch gedacht. Als ich noch oben war, war ich genau richtig. Daf\u00fcr h\u00e4tte mich eigentlich wieder jemand zur Strafe wegdr\u00e4ngeln m\u00fcssen. Hat man mich aber nicht, und so bin ich fluchend den Berg wieder hinauf. Landschaftlich gab es aber (<em>in diesem Moment sowieso<\/em>) nichts Neues. Nicht, dass es nicht auch wundersch\u00f6n gewesen w\u00e4re, aber wie soll ich das von gestern noch besser beschreiben? Eine supertolle Landschaft.<br><br>In Hlinsko traf ich dann erneut auf den Radweg &#8222;1&#8220;, der noch 115 Kilometer bis Br\u00fcnn auspries. Zu dem Zeitpunkt war ich um die Erkenntnis mit den flacheren Strecken noch nicht bereichert, so zeigte ich dem Wegweiser den Stinkefinger und setzte meine geplante Tour trotzig fort. Denn selbst wenn es noch h\u00fcgelig blieb, irgendwann musste dieses bl\u00f6de Gebirge ja schlie\u00dflich auch mal ein Ende haben. Dachte ich zumindest. War aber nicht so. Es ging weiter und weiter, hoch und runter. Nach weiteren 45 Kilometern Fahrstrecke kam ich erneut an einem Hinweisschild des Radweges vorbei, das nun noch 85 Kilometer bis Br\u00fcnn anmerkte. Komisch. Hatte ich doch gerade 45 Kilometer auf der angeblich viel k\u00fcrzeren Strecke gemeistert und hatte laut dem &#8222;1&#8220; gerade einmal &#8211; wartet &#8211; \u00fcberhaupt nichts gut gemacht. Selbst den Verfahrer abgezogen, war es gerade mal ein lumpiger Kilometer. Irgendwas stimmte doch hier nicht. Entweder die Angaben auf den Schildern oder die in meiner Karte waren falsch. Jetzt war der Ofen aus. Wenn ich eh nichts im Gegensatz zum Radweg sparte, konnte ich doch wenigstens die verkehrs\u00e4rmeren Strecken nutzen. Da sich ab jetzt auch die H\u00f6henunterschiede in Grenzen hielten, baute ich mir gestern beschriebene Theorie zusammen und es ging gut. Eventuelle Streckenl\u00e4ngen konnte ich durch weniger Schiebepassagen wieder wettmachen. Und so rollte das Ding sauber bis Bystrice durch.<br><\/p>\n\n\n\n<p>Schon war es auch wieder Zeit, sich nach einer Unterkunft umzusehen. Ich war nach dem Tag v\u00f6llig durchgeschwitzt und hatte die Idee, mir eine Pension zu suchen, ganz fest im Auge, als ca. 200 Meter vor mir zwei Radler mit voll bepackten R\u00e4dern am Horizont auftauchten. Jetzt wurde es spannend. Ich wusste nicht genau, ob ich wirklich noch Bock auf eine Kontaktaufnahme hatte, also drosselte ich erst einmal das Tempo, um zu sehen wie schnell die Beiden unterwegs waren. Es stellte sich heraus, dass sie aber im Moment nach einen geeigneten Platz zum Wildcampen suchten und daher nat\u00fcrlich nicht gerade auf die Tube dr\u00fcckten. Und nun kam das fantastischste, was mir bisher auf meiner Reise passiert war.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/chriscovery.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Nadine_und_Jeremy-680x350-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-522\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><br>Die Beiden stellten sich als Jeremy und Nadine vor und erz\u00e4hlten mir, dass sie gerade auf dem Weg nach Istanbul w\u00e4ren. Wahnsinn! Hier mitten in der Pampa und kurz vor Sonnenuntergang h\u00e4tte ich mir alles m\u00f6gliche tr\u00e4umen lassen, aber keinesfalls auf andere Radler zu treffen, die auch noch so cool drauf waren. Sie luden mich zum mitcampen und mitfuttern ein. Ich war ein bisschen skeptisch, hatte ich mich bislang doch so gro\u00dfartig aus der Wildcampingaff\u00e4re gezogen und nun sollte ich doch&#8230; Aber der gesellige Abend und die vielen Hintergrundinfos waren zu verlockend. Also stimmte ich zu und baute mein Zelt gleich neben ihrem auf. Es stellte sich heraus, dass die beiden bereits im April in der Bretagne&nbsp;gestartet waren und schon eine ausgiebige Tour durch Frankreich und Deutschland hinter sich hatten. Und die beiden hatten bereits den Teil der Reise erreicht, den ich mir im Moment noch so dringend erhoffe. Sie waren schon voll im Freiheitsmodus. Kein Zeit- oder Kilometerdruck, keine Hotels oder Campingpl\u00e4tze. Alles so, wie es der Tag bringt. Ein super eingespieltes Team. Jeder (gemeinsame) Handgriff sa\u00df. Vor allem hatten sie einen unglaublichen Riecher f\u00fcr tolle Zeltpl\u00e4tze. Die Stelle h\u00e4tte ich mit ziemlicher Sicherheit \u00fcbersehen: direkt an einem kleinen Bach, der 25 Meter weiter in einen Fluss m\u00fcndete. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery has-nested-images columns-default is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" data-id=\"255\" src=\"https:\/\/chriscovery.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/CoolerBergbach_6-280x420-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-255\"\/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" data-id=\"243\" src=\"https:\/\/chriscovery.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/CoolerBergbach_2-280x420-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-243\"\/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" data-id=\"249\" src=\"https:\/\/chriscovery.de\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/CoolerBergbach_3-280x420-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-249\"\/><\/figure>\n<\/figure>\n\n\n\n<p>Beim Erkunden der Umgebung (<em>zum ersten Mal traute ich mich Rad und Gep\u00e4ck allein zu lassen<\/em>) stellte sich der Ort als kleines Paradies heraus. So konnte ich zwar nicht die erhoffte Dusche, aber ein wunderbares Bad im Gebirgsbach nehmen und das war mindesten genauso erfrischend, aber viel spannender. Jeremy zeigte sich als gro\u00dfartiger Koch und Nadine als wunderbare Gespr\u00e4chspartnerin, die mir wertvolle Tipps mit auf den Weg gab und mir von ihren Erfahrungen berichtete. So hatten sie bislang fast keine Probleme mit Einheimischen beim zelten und kochen. Und damit etwas, was ich ab jetzt definitiv auch \u00f6fter probieren muss. Vielleicht haben die Beiden es geschafft, eine mal wieder v\u00f6llig unbegr\u00fcndete Angst, jemanden zu bel\u00e4stigen, loszuwerden. Falls ihr beiden das lest: <strong>Danke<\/strong>! Es war ein gro\u00dfartiger Abend und ich hoffe wir treffen uns unterwegs noch einmal wieder. <\/p>\n\n\n\n<p>Voll gef\u00fcllt mit wahnsinnig gutem Essen und einer riesen Portion neuer Motivation bin ich dann das erste Mal auf der Tour wirklich gl\u00fccklich eingeschlafen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von (fast ausger\u00e4umten) Sprachbarrieren, (schlecht auszur\u00e4umenden) Gebirgsbarrieren und einem wirklich tollen Abend Hey, wisst ihr was? Meine Sprachprobleme sind verschwunden. Ist jetzt nicht so, dass ich eine Sprache besser kann als vor meiner Abreise, aber man wird flexibler. 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