{"id":706,"date":"2014-07-20T19:58:22","date_gmt":"2014-07-20T17:58:22","guid":{"rendered":"https:\/\/chriscovery.de\/?p=706"},"modified":"2023-03-24T00:45:11","modified_gmt":"2023-03-23T23:45:11","slug":"etappe-nelahozeves-prag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/chriscovery.de\/index.php\/2014\/07\/20\/etappe-nelahozeves-prag\/","title":{"rendered":"Etappe Nelahozeves &#8211; Prag"},"content":{"rendered":"\n<p>H\u00e4tte ich heute Morgen geahnt, was an diesem Tag auf mich zukommt, w\u00e4re ich wohl lieber noch einen Tag l\u00e4nger geblieben. Aber hey, es waren nur noch 38 Kilometer bis zu meiner ersten ausl\u00e4ndischen Hauptstadt und auch wenn ich erst im vergangenen August dort gewesen bin, freute ich mich diebisch, einmal mit dem Rad dort durchzufahren. Also noch einmal schnell die Vorr\u00e4te aufgefrischt, etwas Fr\u00fchst\u00fccks\u00e4hnliches inhaliert und ab ging die Post. Und siehe da, wer Schilder lesen kann, ist klar im Vorteil. Nachdem ich mich ca. eine halbe Stunde rechts der Moldau durch das Unterholz gek\u00e4mpft hatte, merkte ich mit meinen Sherlock Holmes \u00e4hnlichen Instinkten, dass hier irgendwas faul war. Der offizielle Radweg f\u00fchrt n\u00e4mlich links der Moldau entlang. Also flott, wie ein SED-Mitglied nach dem Mauerfall, die Seiten gewechselt und siehe da, links ging alles viel leichter. Ich kam trotz ein paar ziemlich fetter Anstiege richtig gut voran und hatte zwischendurch auch noch die Zeit ein halbes St\u00fcndchen an einem Gebirgsbach zu verweilen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann war es endlich so weit. Das sch\u00f6ne Prag! Endlich ein vermeintlich schl\u00fcssiger Radweg entlang der Moldau, der einen genau dort langf\u00fchrt, wo man auch als Tourist unglaublich viele und sch\u00f6ne Eindr\u00fccke sammeln kann. Und genau da war mein Denkfehler. Es war Sonntag und es war herrliches Wetter! Kurzum: Tourizeit! Halb Europa schien sich f\u00fcr einen Spaziergang an der Moldau entschieden zu haben und ein Ausweichen war absolut nicht m\u00f6glich. So wurde aus meinem Plan, Prag nur schnell zu durchqueren, ein endlos langer Schiebe- und Dr\u00e4ngelmarathon. Ihr glaubt gar nicht, wie gl\u00fccklich ich war, dann doch endlich durch zu sein und ich habe dann auch kr\u00e4ftig in die Pedale getreten, um m\u00f6glichst schnell von den Menschenmassen wegzukommen. Vielleicht ein bisschen zu sehr&#8230; Denn fast zehn Kilometer hinter Prag stellte ich fest: Du bist hier v\u00f6llig falsch! Der Radwanderweg geht n\u00e4mlich entlang der Moldau in Richtung Linz und da wollte ich gar nicht hin. Ich will ja nach Br\u00fcnn!<\/p>\n\n\n\n<p>Nun hatte ich ja bereits die sich mir nicht ganz erschlie\u00dfende Sinnhaftigkeit der tschechischen Radwegbezeichnungen erw\u00e4hnt. Von diesem Radweg gehen viele in die vielleicht richtige Richtung ab, aber welche genau &#8211; ohne entsprechende Karte unm\u00f6glich herauszufinden. Nun war guter Rat teuer. Ich wusste zwar, dass es einen Radweg von Prag nach Br\u00fcnn geben sollte, aber nat\u00fcrlich hatte ich keinen Schimmer, welcher das war. Also drehte ich um und fuhr direkt in mein Verderben. Ich lasse dieses Drecksgewitter an dieser Stelle einfach mal unkommentiert. Immerhin verschaffte es mir eine unterhaltsame Stunde mit einem tschechischen Rennradfahrer unter einer Br\u00fccke, der nach der Offenbarung meines Plans eigentlich nur immer wieder sagte: &#8222;&lt;em>You are crazy!&lt;\/em>&#8220; &#8211; Piffpaff! Erz\u00e4hl mir was Neues. Aber wie sollte man das auch nicht werden, wenn man st\u00e4ndig von diesem Wetter maltr\u00e4tiert wurde? Ich war also wieder nass bis auf die Knochen und meine Frage nach einer g\u00fcnstigen Pension in der N\u00e4he konnte von meinem Leidensgenossen auch nicht beantwortet werden. Rennradfahrer kommen n\u00e4mlich meist nicht von den Flecken, wo sie unter einer Br\u00fccke stehen. Ist wohl irgendeine chinesische Weisheit, die mit Weg x Geschwindigkeit berechnet wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir fiel nichts besseres ein, als das Hotel aufzusuchen, das ich im letzten Jahr bereits f\u00fcr mein Pragwochenende bewohnt habe. Das hatte ich noch wegen des g\u00fcnstigen Preises gut in Erinnerung. Allerdings m\u00fcssen die inzwischen erheblich mit Ado-Gardinen saniert haben und sagten den stolzen Preis von 83 \u20ac an. Das ging schon aus Prinzip nicht. Kapitalistenschweine! Was sollte ich tun? Klatschnass und demotiviert entschied ich mich erst einmal f\u00fcr ein bisschen Verzweiflung. Immerhin war es nach meiner Irrfahrt bereits fast 20 Uhr und das Wetter wollte nicht wirklich sch\u00f6ner werden. Ich bem\u00fchte erstmals das Handy und suchte mir ein radfreundliches Hotel heraus. Schnell die Adresse ins Navi eingegeben und los ging die wilde Fahrt durch die ganze Stadt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Navi ist immer bem\u00fcht mich m\u00f6glichst abseits von viel befahrenen Hauptstra\u00dfen zu halten und so schickte es mich ein ums andere Mal durch Gegenden, die ich lieber nicht von Prag gesehen h\u00e4tte. W\u00e4hrend sich rechts der Moldau die Touristen zum abendlichen Bestaunen der Schiffsparade versammelten, legten sich entlang der Route die Stadtstreicher zum Schlafen nieder. Nicht die Tatsache, dass die \u00c4rmsten der Armen sich unter freiem Himmel bei nicht berechenbarem Wetter versammelten, sondern dass es solche Massen waren, deprimierte mich. Klar wei\u00df ich, wo viel Reichtum ist, da sammeln sich auch die, mit denen es das Leben nicht so gut meint. Aber dass es derartige Ausma\u00dfe annehmen kann, warf mich um. Wir bauen unsinnige Flugh\u00e4fen und verschleudern Millionen Euros, w\u00e4hrend hier scheinbar nicht mal die M\u00f6glichkeit zur Resozialisierung gegeben wird. Irgendwann muss doch mal einer merken, dass die Verteilung von Zahlungsmitteln unglaublich ungerecht vonstatten geht. Die Verfechter unseres Systems werden jetzt wieder argumentieren, dass viele von denen sich das selbst so ausgesucht haben, aber liebe Freunde, ich kann mir das beim besten Willen nicht vorstellen. Ich musste das erst einmal sacken lassen, bevor ich mich dann weiter auf die Hotelsuche machen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Hotelwahl erschien mir im angesichts dessen dann umso grotesker. Ein wunderbares Zimmer direkt in einem alten Kloster. Einem ehemaligen Haus des Herrn, dessen Sohn Barmherzigkeit gegen\u00fcber den Armen und Minderbemittelten gepredigt hat. Ich bin kein bisschen religi\u00f6s, aber die Grundwerte der Menschlichkeit liegen mir dennoch sehr am Herzen. Deshalb schlie\u00dfe ich heute auch mit den wirklich ernst gemeinten Fragen: Wo sind wir eigentlich hingekommen? Kann die Jagd nach &#8222;immer noch mehr&#8220; wirklich alles im Leben sein, oder sollten wir uns nicht doch so langsam mal wieder der Dinge besinnen, die uns alle betreffen?<\/p>\n\n\n\n<p>Mit diesen Gedanken ging ich trotz des Weltmeistertitels ein wenig betr\u00fcbt ins Bett. Es war das erste Mal, dass mir diese Reise auch die Schattenseiten unserer Gesellschaft offenbart hat. Es ist nicht alles Gold was gl\u00e4nzt. Und schon gar nicht in der goldenen Stadt an der Moldau.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>H\u00e4tte ich heute Morgen geahnt, was an diesem Tag auf mich zukommt, w\u00e4re ich wohl lieber noch einen Tag l\u00e4nger geblieben. 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